
seit Mai 2024
Galgenberg
Die Projektfläche am Galgenberg kam im Anschluss an einen unserer Vorträge zu uns. Aus einem Gespräch entwickelte sich der Kontakt zur Stadt Nürtingen und daraus die Frage, wie diese bestehende, aber stark in die Jahre gekommene Streuobstwiese weiterentwickelt werden kann.
Der Galgenberg liegt im Landschaftsschutzgebiet und ist Teil einer gewachsenen Kulturlandschaft. In den vergangenen Jahren fehlte jedoch eine klare Zuständigkeit und ein übergeordnetes Entwicklungskonzept — einzelne Bäume wurden punktuell ergänzt, Pflegemaßnahmen erfolgten nur eingeschränkt. Gleichzeitig ist hier ein besonderer Ort entstanden: alte Obstbäume, gewachsene Strukturen und ein hohes ökologisches Potenzial.
Unser Ziel ist es, diese vorhandene Substanz zu stabilisieren, zu pflegen und behutsam weiterzuentwickeln, im Einklang mit den naturschutzrechtlichen Vorgaben und natürlichen Prozessen. Die vorhandenen Altbäume bilden dabei die Grundlage; durch gezielte Ergänzungen mit robusten, überwiegend alten Sorten entsteht eine vielfältige Alters- und Artenstruktur, die die Fläche widerstandsfähiger macht. Abgestorbene Bäume bleiben, sofern standsicher, bewusst als stehendes Totholz erhalten, und die Umstellung auf eine extensive, schonende Bewirtschaftung fördert eine artenreiche Wiesenstruktur und stärkt das Bodenleben. Nutzung und Naturschutz werden dabei nicht als Gegensätze verstanden, sondern als Teil eines gemeinsamen Konzepts — alle Schritte erfolgen in enger Abstimmung mit der Naturschutzbehörde und werden kontinuierlich beobachtet, bevor weitere Maßnahmen folgen.
Aus der Bodenanalyse leiten wir keine pauschale Düngung ab. Statt kurzfristiger Nährstoffkorrekturen setzen wir auf eine langfristige Bodenregeneration durch extensive Bewirtschaftung und organischen Kreislaufaufbau. Der hohe Stickstoffgehalt und das enge C/N-Verhältnis zeigen, dass der Boden sehr wüchsig ist — wir arbeiten deshalb mit kohlenstoffreichem Mulchmaterial wie Holzhackschnitzeln, das den Humusaufbau unterstützt und das Stickstoffangebot langfristig in Balance bringt. Tiefwurzelnde Kräuter wie Wegwarte, Luzerne, Schafgarbe oder Wilde Möhre verbessern zusätzlich die Bodenstruktur, wirken gegen mögliche Verdichtungen und unterstützen die Durchlüftung des Bodens. Da Kalium und Phosphor eher niedrig sind, setzen wir bewusst auf Pflanzen, die als natürliche „Nährstoffpumpe“ wirken: Beinwell etwa nimmt Nährstoffe aus tieferen Bodenschichten auf und bringt sie über seine Biomasse wieder an die Oberfläche — ein natürlicher Kreislauf statt externer Düngung.
Auch die Mahd steuern wir gezielt. Wird das Heu vollständig abgeräumt, werden Nährstoffe, insbesondere Stickstoff, aus dem System exportiert — bei dem hohen Stickstoffgehalt sinnvoll, gleichzeitig geht dabei aber auch Kalium verloren. Deshalb arbeiten wir mit einem gestaffelten Vorgehen: Teilbereiche oder wechselnde Streifen werden abgeräumt, um Stickstoff zu reduzieren und die Artenvielfalt zu fördern, während andere Bereiche als Mulch- und Altgrasstreifen liegen bleiben und Nährstoffe im System halten. Die Entwicklung des Bodens wird kontinuierlich beobachtet — unser Ziel ist kein schneller Ausgleich einzelner Werte, sondern ein langfristig stabiles, lebendiges Bodensystem. Oft ist unsere Hauptaufgabe dabei, mit den verschiedensten Menschen zu sprechen und vor Ort ein Bewusstsein für unsere Arbeit zu schaffen.
Bodenstruktur verbessern
Alte Streuobstwiese revitalisieren
Biodiversität steigern


















Größe
ca. 5.000 m² (0,5 ha)
Lage
Landschaftsschutzgebiet, Osthang bei Nürtingen
Klimazone
USDA 8a/7b
Niederschlag
877 mm/Jahr
Boden
Lehm, Humus 6,36 %, pH 6,7
Sonneneinstrahlung
6–9 h direkt im Sommer
Koordinaten
48°37'44.1"N 9°19'25.1"E
Organischer Kohlenstoff
3,7 % — hoch
Stickstoff
373 mg/100g — sehr hoch
Phosphor / Kalium
3 / 15 mg/100g — beide sehr niedrig
Magnesium / Bor
12 mg/100g / 0,86 mg/kg — beide optimal
Schwefel
51 mg/100g — sehr hoch, kein Düngebedarf
C/N-Verhältnis
9,9 : 1 — sehr eng
Spurenelemente
Kupfer 4,3 · Mangan 145,7 · Eisen 159,4 · Zink 4,9 mg/kg — alle sehr hoch, Hinweis auf frühere Bodenverdichtung
Der Laborbefund im Original

Originalbefund unserer Bodenanalyse vom Raiffeisen-Laborservice (Analyse-Nr. G38108).

Versorgungszustand im Vergleich zum Optimalwert — deutlich sichtbar der Nährstoffüberschuss bei Mangan, Eisen und Zink.
Was die Bodenwerte bedeuten
Stickstoff: Bestandteil der Pflanzenproteine und unentbehrlich für das Wachstum — ein Überschuss reduziert allerdings die Widerstandskraft gegen Krankheiten und Schädlinge.
Phosphor: Beteiligt am Energiestoffwechsel der Pflanze, wichtig für die Entwicklung von Blüten, Samen und Früchten.
Kalium: Reguliert den Wasserhaushalt und stärkt die Widerstandskraft gegen Schädlinge, Krankheiten, Trockenheit und Kälte; beeinflusst Geschmack und Haltbarkeit der Früchte.
Magnesium: Als Bestandteil des Blattgrüns wichtig für die Photosynthese.
Bor: Wichtig für den Aufbau der Zellwände, die Wuchssteuerung, den Kohlenhydratstoffwechsel sowie die Blüten- und Fruchtbildung.
Kupfer: Wird für die Nitrataufnahme und den Protein-Zellwandaufbau benötigt.
Mangan: Notwendig für die Herstellung von Fettsäuren und die Bildung von Blattgrün.
Eisen: Notwendig für Proteinaufbau und Photosynthese — zu hohe Werte werden oft durch Sauerstoffmangel im Boden verursacht, etwa durch Verdichtung oder Staunässe.
Zink: Wird für Photosynthese, Wuchsstoffhaushalt und Stärkeeinlagerung gebraucht.
Projektchronologie
29. Mai 2024
Erste Kontaktaufnahme mit der Stadt Nürtingen.
25. Juni 2024
Vor-Ort-Termin mit dem Tiefbauamt Nürtingen am Galgenberg.
5. August 2024
Treffen mit dem Umweltbeauftragten der Stadt Nürtingen; Weiterleitung an die Untere Naturschutzbehörde.
17. September 2024
Erste Ablehnung des ursprünglichen Konzepts — der geplante „Essbare Stadtpark“ war im Landschaftsschutzgebiet nicht genehmigungsfähig. Daraus entstand ein angepasster, naturschutzfachlich abgestimmter Entwicklungsplan.
Herbst 2024
Überarbeitung der Planung, Erstellung von CAD-Plänen und erneute Abstimmung.
14. Januar 2025
Vor-Ort-Termin mit der Naturschutzbehörde Esslingen — grundsätzliche Zustimmung unter angepasstem Rahmen.
Frühjahr/Sommer 2025
Bewilligung des Stiftungsantrags bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, Flächenbegehungen, Monitoring und Bodenproben.
2. September 2025
Offizielle Genehmigung des angepassten Plans.
7. November 2025
Pflanztag: endlich! Umsetzung der ersten Entwicklungsphase mit der Pflanzung hochstämmiger Obstbäume.
2026
Beobachtung, Pflege und weitere Maßnahmen.
Altbestand
- 18 Apfelbäume
- 2 Walnussbäume
- 2 Birnbäume
- 2 Kirschbäume
- je 1 Esche, Hasel, Weißdorn, Holunder
- angrenzend: 2 Eichen, 2 Feldahorne, 2 Robinien, 2 Haselsträucher
Neupflanzung
- 2× Süßkirsche
- 1× Sauerkirsche
- 1× Aprikose
- 1× Speierling
- 1× Pfirsich
- 2× Quitte
- 3× Birne
- 5× Pflaumengewächse (2 Pflaume, 2 Zwetschge, 1 Mirabelle)

Unser Pflanzplan für den Galgenberg: Bestand und die 16 neu gepflanzten Bäume, nummeriert nach Sorte.
Sortenwahl — warum genau diese Bäume?
Die Auswahl der neuen Obstbäume erfolgte bewusst und in mehreren Schritten. Da sich die Fläche im Landschaftsschutzgebiet befindet, war eine sorgfältige, standortgerechte Entscheidung besonders wichtig. Wir haben uns überwiegend für alte, robuste Sorten entschieden, die sich durch hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten, Witterungsschwankungen und Standortunterschieden auszeichnen und zugleich zur genetischen Vielfalt beitragen. Vor der Pflanzung dominierte vor allem Apfel — durch die Ergänzung mit Birne, Pflaume, Kirsche, Quitte, Speierling sowie weiteren Stein- und Kernobstarten entsteht eine deutlich vielfältigere Struktur. Unterschiedliche Blühzeitpunkte fördern Insekten über einen längeren Zeitraum, verschiedene Fruchtzeiten von Juli bis November verlängern die Erntesaison für die Menschen in Nürtingen. Unsere Sortenwahl verbindet damit drei Ebenen: ökologische Stabilität, landschaftliche Vielfalt und eine vielseitige Ernte für die Bevölkerung.
Pfirsich 'Revita'
Gute Resistenz gegen Kräuselkrankheit, süß-saftig, Fruchtreife Mitte–Ende August.
Aprikose 'Kuresia'
Scharkaresistent, saftig-aromatisch, Fruchtreife Ende Juli–Anfang August, Herkunft Sachsen-Anhalt.
Birne 'Gräfin von Paris'
Alte europäische Sorte (1889), Winterbirne, schmeckt auch vom Lager noch sehr gut.
Pflaume 'The Czar'
Alte englische Sorte (1874), süß-säuerlich, folgernde Reife ab August.
Quitte 'Konstantinopeler Apfelquitte'
Altbekannte Sorte, säuerlich-aromatisch, Fruchtreife ab Oktober.
Speierling
Seltene, kulturhistorisch bedeutsame Wildobstart, trocken- und hitzeresistent, gilt als Zukunftsbaumart.
Birne 'Palmisch'
Streuobstsorte des Jahres 2005 in Baden-Württemberg, gegen Feuerbrand unanfällig.
Mirabelle 'von Nancy'
Bewährte, ertragssichere Sorte, aromatisch-süß, wertvoll für Bienen.
Sauerkirsche 'Schattenmorelle'
Zuverlässiger Ertrag, säuerlich-aromatisch, klassische Verarbeitungsfrucht.
Süßkirsche 'Schwarze Knorpelkirsche'
Kräftiger, langlebiger Wuchs, festes „knorpeliges“ Fruchtfleisch.
Zwetschge 'Bühlers Frühzwetschge'
Frühreifend, verlängert die Erntesaison, robust und ertragssicher.
Süßkirsche 'Hedelfinger Riesenkirsche'
Eine der ältesten und ertragreichsten Sorten, Herkunft Hedelfingen um 1850.
Pflaume 'Althans Reneklaude'
Alte, geschmacklich hochwertige Edelpflaumensorte, seit dem 19. Jh. im süddeutschen Raum.
Zwetschge 'Hauszwetschge'
Traditionelle, sehr alte Sorte für Kuchen und Brennerei, robust und langlebig.
Birne 'Nägelesbirne'
Historische süddeutsche Sorte, robust und vielseitig verwendbar.
Quitte 'Portugieser Birnenquitte'
Spätreifend, birnenförmig, intensiv duftend, erweitert die Erntesaison bis in den Herbst.
Herausforderungen auf der Fläche
Die Lage am Übergang zwischen Stadtpark, Landwirtschaft und öffentlicher Nutzung bringt besondere Herausforderungen mit sich. Einträge aus angrenzender Bewirtschaftung, Hundeverkehr, Wildverbiss sowie unterschiedliche Nutzungsinteressen erfordern eine sensible Pflege und klare Kommunikation.
Tiere auf der Fläche
Die Fläche am Galgenberg ist schon durch ihre Lage ein lebendiger Rückzugsort für zahlreiche Tierarten. Durch schonende Pflege, Handmahd und neue Biodiversitätsstrukturen wie Totholz-Bereiche finden hier immer mehr Tiere Nahrung, Schutz und geeignete Lebensräume. Feldgehölz-Strukturen auf der Fläche und drumherum bieten vielen Vogelarten und Kleintieren idealen Schutz. Auf unseren regelmäßigen Rundgängen konnten wir bereits verschiedene Insektenarten und Eidechsen beobachten; auch Vögel wie Stare, Meisen und Rotkehlchen nutzen die Streuobstwiese als Nahrungs- und Brutraum. Diese Beobachtungen zeigen deutlich, wie sich eine gepflegte, strukturreiche Streuobstfläche innerhalb weniger Monate zu einem wertvollen Lebensraum für heimische Tierarten entwickeln kann.
Permakulturprinzip: Fair Share
Naturschutz soll die Menschen in Zukunft nicht ausschließen. An mehreren Bäumen markieren gelbe Bänder, dass ihre Früchte öffentlich geerntet werden dürfen — gelebtes Fair-Share-Prinzip der Permakultur, mitten im Landschaftsschutzgebiet. Damit entstehen Transparenz und ein klarer Umgang mit Nutzung und Schutz im Landschaftsschutzgebiet — unser erster Schritt in diese Richtung.
Die Zukunft der Fläche
Mit der ersten Pflanzung ist der Grundstein gelegt. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, wie sich junge und alte Bäume gemeinsam entwickeln, wie sich die Wiesenstruktur verändert und wie sich das Bodenleben stabilisiert. Der Galgenberg ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein langfristiger Prozess: Baum für Baum entsteht hier wieder eine vielfältige, widerstandsfähige Streuobstwiese — als Lebensraum für Tiere, als Ort für Menschen und als Beitrag zur regionalen Versorgung. Was hier wächst, ist ein Stück Kulturlandschaft, das wir gemeinsam in die Zukunft begleiten. Es zeigt, was möglich wird, wenn Stadt, Behörden, Institutionen und engagierte Menschen konstruktiv zusammenarbeiten.
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