
seit Frühjahr 2025
Oberensingen
Die Fläche in Oberensingen ist unsere erste Experimentier- und Lernfläche — ein Ort, an dem wir neue Ansätze für ökologische Aufwertung, Artenvielfalt und Wassermanagement praktisch erproben. Sie wurde uns durch einen freundlichen Hinweis aus unserem Netzwerk vermittelt und liegt in einem ausgewiesenen Landschaftsschutzgebiet, was ihren ökologischen Wert unterstreicht und zugleich besondere Sorgfalt bei Pflege und Entwicklung erfordert.
Als wir die Fläche übernahmen, war einiges zu tun: Viele der alten Obstbäume waren in einem sehr schlechten Gesundheitszustand, teils seit Jahren ohne Pflege. Hartriegel, Brombeeren und wilde Rosen hatten große Bereiche überwuchert und unterdrückten die Bäume und andere Pflanzen. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht seither die Vitalisierung der alten Streuobstwiese — von der Pflege des Bestands bis zur Ergänzung neuer, standortgerechter Obstgehölze — sowie die gezielte Förderung der Biodiversität.
Eine Bodenanalyse zu Beginn zeigte einen sehr vitalen, humusreichen Boden (4,75 % Humus) auf tonigem Lehm, der aber unausgewogen versorgt ist: zu viel Stickstoff, zu wenig Phosphor und Kalium, ein zu niedriger pH-Wert sowie auffällig hohe Werte bei Mangan, Eisen und Kupfer — ein Hinweis auf frühere Bodenverdichtung, Staunässe und möglicherweise den Einsatz kupferhaltiger Pflanzenschutzmittel. Als Tiefwurzler und Bodenverbesserer setzen wir gezielt auf Luzerne, Ölrettich, Buchweizen und Ringelblume, die den Unterboden lockern und Nährstoffe aus tieferen Schichten erschließen; dazu kommen Holzhackschnitzel-Mulch und ein schonendes Mahdregime. Rechnerisch empfiehlt der Laborbefund dafür jährlich unter anderem rund 1.120 kg kohlensauren Mg-Kalk und 2.080 Liter reifen Pferdemist auf der gut 1.600 m² großen Fläche, um den Ziel-pH-Wert von 7,0 zu erreichen — Zahlen, die wir nicht eins zu eins ausbringen, sondern als Orientierung für unseren organischen, schrittweisen Bodenaufbau nutzen.
So ist Oberensingen nicht nur ein ökologischer Versuchsraum, sondern auch ein sozialer Treffpunkt — ein Ort für gemeinsames Arbeiten, Beobachten und Lernen.
Experimentierfeld für ökologische Methoden
Alte Streuobstwiese revitalisieren
Biodiversität steigern


















Boden
Humusgehalt 4,75 % — fruchtbar, aber unausgewogen
Nährstoffe
Zu viel Stickstoff, zu wenig Phosphor & Kalium, pH zu niedrig
Spurenelemente
Mangan, Eisen, Kupfer stark erhöht — Hinweis auf Verdichtung & früheren Pflanzenschutzmitteleinsatz (Messwerte: Kupfer 4,9 · Mangan 247,7 · Eisen 183,3 · Zink 4,7 mg/kg — alle extrem hoch)
Ausgangslage
Bäume in schlechtem Zustand, Hartriegel & Brombeeren übernahmen die Fläche
Größe
ca. 1.600 m² (laut Flächenangabe der Bodenanalyse)
Bodenart
Toniger Lehm (tL)
Analyse
G 35981 vom 20.03.2025, Bio-Anbau
Organischer Kohlenstoff
2,76 % — hoch
Gesamt-Stickstoff
299 mg/100g — hoch
C/N-Verhältnis
9,2 : 1 — sehr eng
Phosphor / Kalium
5 / 11 mg/100g — sehr niedrig / niedrig
Magnesium / Schwefel
15 / 32 mg/100g — optimal / hoch
pH-Wert
6,2 — Ziel-pH-Wert 7,0, erhöhter Kalkbedarf
Der Laborbefund im Original

Originalbefund unserer Bodenanalyse vom Raiffeisen-Laborservice (Analyse-Nr. G35981).

Versorgungszustand im Vergleich zum Optimalwert — deutlich sichtbar der Nährstoffüberschuss bei Mangan, Eisen, Kupfer und Zink.
Was die Bodenwerte bedeuten
Stickstoff: Bestandteil der Pflanzenproteine und unentbehrlich für das Wachstum — ein Überschuss reduziert allerdings die Widerstandskraft gegen Krankheiten und Schädlinge.
Phosphor: Beteiligt am Energiestoffwechsel der Pflanze, wichtig für die Entwicklung von Blüten, Samen und Früchten.
Kalium: Reguliert den Wasserhaushalt und stärkt die Widerstandskraft gegen Schädlinge, Krankheiten, Trockenheit und Kälte; beeinflusst Geschmack und Haltbarkeit der Früchte.
Magnesium: Als Bestandteil des Blattgrüns wichtig für die Photosynthese.
Bor: Wichtig für den Aufbau der Zellwände, die Wuchssteuerung, den Kohlenhydratstoffwechsel sowie die Blüten- und Fruchtbildung.
Kupfer: Wird für die Nitrataufnahme und den Protein-Zellwandaufbau benötigt.
Mangan: Notwendig für die Herstellung von Fettsäuren und die Bildung von Blattgrün.
Eisen: Notwendig für Proteinaufbau und Photosynthese — zu hohe Werte werden oft durch Sauerstoffmangel im Boden verursacht, etwa durch Verdichtung oder Staunässe.
Zink: Wird für Photosynthese, Wuchsstoffhaushalt und Stärkeeinlagerung gebraucht.
Projektchronologie
Frühjahr 2025
Startschuss: Rückschnitt der Hälfte des Baumbestands, teils nach vielen Jahren ohne Pflege, um Vitalität, Licht und Fruchtbildung wiederherzustellen. Wuchernder Hartriegel, Brombeeren und wilde Rosen wurden von den Altbäumen freigeschnitten, die Regenrinne an der Hütte erneuert und ein System zur Regenwassersammlung vorbereitet. Aufgrund des schlechten Pflegezustands fiel beim Schnitt so viel Totholz an, dass die Fläche zunächst bereinigt werden musste, bevor überhaupt wieder gepflanzt werden konnte — das Schnittgut wurde zu Mulch-Hackschnitzeln verarbeitet.
20. März 2025
Erste Pflanzaktion nach vorheriger Bodenanalyse: Kirschpflaume, Blutpflaume, Quitte, Pfirsich und die Maulbeere als bewusst gewählter, hitzetoleranter „Klimabaum“ ergänzen den Altbestand aus Apfel- und Birnensorten.
Frühsommer 2025
Johannisbeere, Stachelbeere, Schlehe, Kornelkirsche und Felsenbirne gepflanzt, gezielt nach der Bodenanalyse ausgewählt. Erste Handmahd mit der Sense schont Insekten und Bodenbrüter; Totholz- und Steinhaufen sowie ein selbstgebauter Brutkasten an der Hütte entstehen als neue Habitatstrukturen, zusätzlich wurden Totholzstücke für Wildbienen-Nistplätze angebohrt.
Hochsommer 2025
Zwei Hitzewellen im Juni und August, dazwischen ein nasser, gewitterreicher Juli — insgesamt einer der wärmsten Sommer der letzten Jahre, wenn auch ohne neue Rekorde. Monitoring zeigt: gemulchte Zonen halten die Bodenfeuchte deutlich länger als ungemulchte und brauchen spürbar weniger Wasser. Erste systematische Erfassung der Blühpflanzen — von Wilder Möhre, Flockenblume und Margerite über Wiesensalbei und Wilde Malve bis Natternkopf, Klatschmohn und Kornblume — zeigt, wo Bestäuber bereits gut versorgt sind.
Herbst 2025
Apfelernte zu Mus und Fruchtleder verarbeitet, ein Moment, der ökologische Pflege mit sozialem Miteinander verbindet. Unterpflanzung mit Lavendel, Thymian, Oregano und weiteren Trockenheitskräutern sowie einer Weiki (Kiwi-Stachelbeer-Kreuzung); Wintervorbereitung mit erneutem Mulchen schließt die Saison ab.
Winter 2025/26
Bewusste Bodenruhe und Wintermonitoring von Frostbewegungen, Staunässe und Wasserabfluss; Totholz und Reisighaufen bleiben als Habitat liegen, Sandhaufen für bodennistende Wildbienen sind für das Frühjahr geplant. Blutpflaume (vermutlich Wühlmausfraß) und Maulbeere (ungeklärte Ursache) gingen leider ein; für die Maulbeere ist eine genauere Standortanalyse geplant, um die Ursache zu klären und künftige Pflanzungen besser anzupassen.
Altbestand
- Äpfel: Oberösterreicher, Roter Boskoop, Roter Trier (fast abgestorben, alter Mostapfel), Wintersternrenette, Schmidapfel, Brettacher (stark sanierungsbedürftig), Ontario und Idared (tragen alternierend), Rheinischer Bohnapfel
- 2× Weinbirne
- Zwetschge (Wildling), Kirschpflaume (umgefallen, dient heute als Totholzstruktur)
- Elsbeere und Speierling (Speierling neu ergänzt seit 2025)
Neupflanzung
- März 2025: Kirschpflaume, Blutpflaume, Quitte, Pfirsich, Maulbeere
- Frühsommer: Johannisbeere, Stachelbeere, Schlehe, Kornelkirsche, Felsenbirne
- Herbst: Lavendel, Thymian, Oregano, Weiki (Kiwibeere)
- Hecke: Weißdorn, Holunder, Hasel, Heckenrose (inkl. einer besonders großen Wildrose direkt neben dem alten Ontario-Apfelbaum), Liguster
- Bodenverbesserer/Tiefwurzler: Luzerne, Ölrettich, Buchweizen, Ringelblume
Herausforderungen auf der Fläche
Die Fläche kam in einem vernachlässigten Zustand zu uns: Viele Altbäume waren jahrelang ungeschnitten, Hartriegel, Brombeeren und wilde Rosen hatten große Bereiche überwuchert und drohten, die verbliebenen Obstbäume zu ersticken. Die Bodenanalyse offenbarte zusätzlich eine deutliche Schieflage im Nährstoffhaushalt sowie erhöhte Kupferwerte als Hinweis auf früheren Pflanzenschutzmitteleinsatz. Auch der wechselhafte Sommer 2025 mit zwei Hitzewellen und zwischenzeitlichen Unwettern stellte die jungen Pflanzungen auf die Probe; eine Blutpflaume und ein Maulbeerbaum gingen trotz Pflege wieder ein.
Tiere auf der Fläche
Die Fläche in Oberensingen hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einem lebendigen Rückzugsort für zahlreiche Tierarten entwickelt. Durch schonende Pflege, Handmahd und neue Biodiversitätsstrukturen wie Totholz-Bereiche und Unterpflanzungen finden hier immer mehr Tiere Nahrung, Schutz und geeignete Lebensräume; einige Feldgehölz-Strukturen auf der Fläche bieten zusätzlich vielen Vogelarten und Kleintieren idealen Schutz. Auf unseren regelmäßigen Rundgängen konnten wir bereits verschiedene Insektenarten, Eidechsen, Spinnen und Ameisenhaufen beobachten — und sogar eine Ziege mit Kitz, die sich regelmäßig im hohen Gras aufhielt. Eine Wildtierkamera zeichnet inzwischen zusätzlich auf, wer die Fläche nachts besucht; die ersten Aufnahmen werten wir gerade aus. Auch Vögel wie Stare, Meisen und Rotkehlchen nutzen die Streuobstwiese als Nahrungs- und Brutraum.
Die Zukunft der Fläche
Nach dem ersten Jahr mit Baumschnitt, Pflanzaktion und Bodenanalyse geht die Fläche nun in eine Phase der gezielten Weiterentwicklung. Über den Winter stehen Monitoring und Habitatpflege im Vordergrund: Totholz, Reisighaufen und wilde Bereiche bleiben erhalten, dazu kommen geplante Sandhaufen für bodennistende Wildbienen. Im Frühjahr folgen Erziehungsschnitt an den Jungbäumen, gezielte Nachpflanzungen für die ausgefallenen Gehölze sowie weiterer Mulch- und Wasserausbau. Ziel ist es, das junge Streuobst-Ökosystem zu stabilisieren, die Artenvielfalt zu erhöhen und die Fläche langfristig widerstandsfähiger zu machen.
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